Regionale Geschichte – Schladebach
Die Königliche Domäne zu Schladebach bei Merseburg
Die ehemalige königliche Domäne Schladebach liegt, wie bereits in den amtlichen Pachtankündigungen zwischen 1825 — 1933 angepriesen, ca. „3 km entfernt von der Eisenbahnlinie Großkorbetha — Leipzig“ an einer günstigen Wegelage zwischen den Orten Schladebach und Dürrenberg. Neben dem Landwege waren ebenso der angrenzende Floßgraben wie auch die in Kötzschau befindliche Molkerei sowie die Zuckerfabrik in Lützen von wirtschaftlich höherer Bedeutung.
Der Begriff ‚Domäne‘ ist in seiner Bedeutung dem französischen ‚domaine‘ entlehnt und meint ein „Gut in landesherrlichem Besitz“, was wiederum auf das „lateinisch[e] dominium“ als ein „Herrschaftsverhältnis unterschiedlicher Ausprägung“ zurückgeht [4]. Insofern sind Domänen also Landbesitze der Krone und im späteren Verlauf des Fiskus. Diese wurden grundsätzlich an Pächter in Bieterverfahren vergeben. Die Domäne Schladebach zählte dabei zu den Kammergütern, welche vornehmlich zur Produktion von Agrarprodukten wie etwa Weizen, Gerste oder Roggen dienten – auch im Hinblick auf die Versorgung der Bevölkerung und der weiteren königlichen bzw. nach 1918 staatlichen (Vieh-)Güter.
Die zu verpachtende Fläche der Domaine Schladebach wurde im Jahre 1897 mit insgesamt 200 ha, davon 160 ha Ackerflächen, 27 ha Wiesen einschließlich des 1856 trocken gelegten Unterteiches und 3,2 ha (Vieh-)Hütung angeschlagen.

Die Anforderungen gegenüber dem Pächter stiegen bis 1896 auf 100.000 Mark „disponibles (freies, sofort verfügbares) Vermögen“ und dem Nachweis, dass der Pächter landwirtschaftlich sowie im Weiteren, den Wirtschaftsbetrieb betreffend, genügend Erfahrung besitzen musste.
Der Pachtzins zu diesem Zeitpunkt wurde mit 19.600 Mark per anno festgesetzt; der Grundsteuerreinertrag war 8.122 Mark. Über die jeweiligen 18-jährigen Pachtzeiträume, beginnend jeweils ab Johannis des Jahres, wurden seit 1825 eine Witwe Schmidt und Sohn Lieutenant Schmidt außer Diensten, ein Gustav Strauß aus Micheln seit 1861 sowie die letzte Pächterfamilie Schele, zunächst königlicher Oberamtsrat Wilhelm Schele seit 1878, mit ihm später ab 1933 sein Sohn Hans in den Pachtverträgen genannt.
Nach dem Tode des Wilhelm Schele 1935 sowie seiner Witwe 1938 führten die Söhne Hans und Fritz bis Ende des zweiten Weltkrieges 1945 die Geschäfte als Pächter fort. Trotz der günstigen Feldlagen war es in den 20er Jahren des 20. Jhdts. über Jahre hinweg aufgrund von Trockenheiten und unzureichender Kompensation durch Bewässerung und daraus resultierender Missernten zeitweise zu finanziellen Engpässen der Pächter gekommen, was in einer Vielzahl von Anschreiben seit den 1920er Jahren mit Bitte um Stundungen von Pachtzinsen gegenüber der Merseburger Regierung, Abteilung für Domänen und Forsten, ersichtlich wird. Den Stundungen wurde von der Regierung in Merseburg Abteilung Domain und Forsten stattgegeben. Im späteren Verlauf konnte das Gut durch Um- und Entschuldungen, auch durch fiskalische Unterstützung wieder wirtschaftlich dargestellt werden, was in den beginnenden 30er Jahren die Wirtschaftsbücher anzeigen. Die produzierten Waren wurden in den jährlichen Wirtschaftsbüchern nach Art, Fläche und Ertragsmenge niedergeschrieben. Im Jahre 1929/30 waren das 1039 Zentner Weizen (entspr. rund 52 t), 656 Ztr. Roggen, 378 Ztr. Gerste und 1073 Ztr. Hafer. Weiterhin produzierte man Wickroggen, Erbsen, Kartoffeln, Möhren, Futterrüben u. a. Früchte.

Wiesen und Luzerneflächen wurden als Viehfutter bewirtschaftet. Zuckerrüben wurden separat mit 2050 Ztr. angegeben – diese mussten zur Weiterverarbeitung nach Lützen in die Zuckerfabrik gebracht werden, was zur damaligen Zeit eine logistische Leistung darstellte. Zu diesem Zeitpunkt besaß das Kammergut 2 Kutsch-, 1 Reit- und 15 Ackerpferde sowie 32 Fohlen mit einem damaligen Gesamtwert von rund 70 tausend Mark.
Die Kaltblüter-Pferdezucht des Hans Schele war sehr erfolgreich und ebenso weiteren Gütern äußerst dienstlich [3]. Im Weiteren erbrachten 19 Kühe der Domäne eine Jahresleistung von 43.300 Litern Milch. Man besaß zudem einen Bullen, 7 Ochsen und 63 Jungrindtiere. Die in den Gutsunterlagen beschriebene Maschinentechnik beinhaltete übliche landwirtschaftliche Gerätschaften wie etwa Drillmaschinen, Grasmäher, Schrot- und Dreschmaschinen. Zur Ertragssteigerung wurden, vor der Produktion von Ammonsulfat-Kunstdünger im nahegelegenen Leuna, Mist und Dung aus der Viehproduktion auf die Wiesen und Felder ausgebracht. 1930 lag die Menge an eingesetztem Kunstdünger bei 1259 Ztr..
Der Situationsplan von 1818, die Sächsischen Meilenblätter sowie der vorliegende Gebäudeplan von 1931 geben uns Aufschluss über den ursprünglichen Zustand. Die „Neue Domäne“ wurde ab 1900 nahe der alten Schäferei erbaut und mit einem prunkvollen Wohnhaus inkl. angelagertem Park ausgestattet, welcher ausdrücklich laut den vorliegenden Pachtverträgen „als solche[r] ordnungsgemäß zu unterhalten, zu ergänzen und beim Pachtablauf zurückzugewähren“ war. Die „Alte Domäne“ gegenüber der Schladebacher Kirche bestand u. a. aus einem Schweinestall, einem Torfschuppen und einem Brunnen. Die Gebäude wurden zur Erstellung der neuen Domäne zum Teil abgebrochen.
Das Gehöft besaß 1872 eine Brennerei [1]. Das historische Gutswohnhaus wurde später als Angestelltenwohnhaus mit vier Wohnungen genutzt und im Jahre 1966 als letztes Gebäude endgültig abgebrochen. Die „Neue Domäne“ wurde gegen Ende des 19. Jhdt. erbaut. Im späteren Verlauf bestand sie u. a. aus dem Pächterwohnhaus, dem Speichergebäude (erbaut 1899), dem Zwischenstall (1901), dem Kuhstall (1901), einem Pferdestall, einem Maschinenschuppen und einem Transformatorenhaus, in welchem seit der Elektrifizierung des Gutes 1919 die Stromgeneratoren untergebracht waren. Weiterhin gab es einen Federviehstall (1902), ein Wirtschaftsgebäude, (das 1922 aus Abbruchmaterial aus dem alten Domänengehöft erbaut wurde) sowie eine Pferdeschwemme (1903), die zur Reinigung und Wässerung der Pferde diente. Hinzu kamen zwei Aborte, bestehend aus einer Einzel- und einer Vier-Sitz-Kabine. Die Wasserversorgung des Gehöftes konnte dabei über die maschinelle Brunnenanlage realisiert werden.
Die „Alte Schäferei“ gehörte bereits zum ursprünglichem Gut und wurde etwa 1842 erbaut und bestand aus dem Wohnhaus mit der Schäferwohnung im Obergeschoss und zwei Angestellten-Wohnungen im Erdgeschoss, dem Schafstall und der zugehörigen Scheune. 1880 wurde zudem ein Spritzenhaus erbaut. Feuerlöschgeräte waren als „fahrbare Handspritze mit Zubehör und 12 Feuereimern aus Segeltuch“ angegeben. Der angrenzende Floßgraben und der Flößerplatz waren innerhalb der Pachtverträge, als hoheitliches Gebiet mit entsprechendem Wegerecht für den Floßvorsteher, festgelegt. Der Floßvorsteher begutachtete das technische Bauwerk dabei ständig. Aus dem Amtsblatt von 1854 erfahren wir, dass der ehemalige Vorsteher Müller 1854 verstorben war und auch, da ebenso in Kriegsdorf der Vorsteher verstorben war, ein Nachfolger aus Reihen
der „Militär-Invaliden“ gesucht wurde. Die Freihaltung des angrenzenden Bereiches bis 1 m von Gestrüpp, Weidenwuchs und Ähnlichem wurde laut der Pachtverträge dem Pächter der Domäne auferlegt. Die bereits im Jahr 1872 durch den damaligen Gutspächter Strauß installierte Brennerei verfügte über eine Destillationsanlage. Seit spätestens 1906 wurden laut Nietkammer „ätherische Öle“ produziert. Diese wurden aus, den in den verschiedenen Pachtverträgen niedergeschriebenen, Rosenkulturen extrahiert [2]. Selbst auf dem Pariser Parfümeriemarkt genoss das produzierte Rosenöl einen guten Ruf. Die Domaine zu Schladebach – zunächst im königlichen später im fiskalisch-staatlichen Besitz – bestand mindestens seit 1695 als Vorwerk, seit Ende des 18. Jhdt. als Kammervorwerk und mit Beginn des 19. Jhdt. als Kammergut bzw. Domaine/Domäne zu Schladebach. Man erwirtschaftete über 250 Jahre Güter wie Getreide, Gemüse, Schafwolle, Milch, Rind- und Federvieh, Kaltblüterpferde oder Saatgut. Darüber hinaus brannte man Alkohol und produzierte ätherische Öle aus Rosenkulturen. Die Pächter waren als Amtsräte anerkannt in der Bevölkerung und besetzten, wie etwa Wilhelm Schele, den Vorsitz des Landwirtschaftlichen Vereines in Kötzschau. Insgesamt war man anerkannt und als Landgut etabliert, nicht zuletzt auch aufgrund der Versorgung der lokalen Bevölkerung mit Arbeit und lokal produzierten Lebensmitteln.
Die historischen Darstellungen sind konsolidierte aus den zugrunde gelegten Quellen:
_ Landesarchiv Sachsen-Anhalt Rep.C48IIIa / C48IX_LITENr318a
_ Amtsblätter der Regierung zu Merseburg – 1825, 1855, 1854, 1856, 1861, 1878, 1881, 1896, 1914, 1915, 1939, https://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal_jpjournal_00002029?XSL.referer=jportal_jpvolume_00378588&XSL.vol.start=0
_ Historische Fotografien, Postkarten und Unterlagen K. Leborius aus Spergau – Herzlichen Dank hierfür
[1] Adressbuch des Grundbesitzes in der Provinz Sachsen, 1872, http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN574165002_1872
[2] P. Niekammer (Verleger): Niekammer’s Güter-Adressbuch der Provinz Sachsen Band V; 1. Aufl. Stettin; 1906
[3] P. Niekammer (Verleger): Niekammer’s Landwirtschaftliche Güter-Adreßbuch der Provinz Sachsen Band V; 3. Aufl. Stettin; 1922
[4] https://www.duden.de/rechtschreibung/Domaene
